Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter

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Buch Wustmann (1903): Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Seitenzahlen 49 - 52
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Unsicherheit

In diesem Kapitel behandelte Zweifelsfälle

Behandelter Zweifelfall:

Verb: Starke und schwache Flexion

Genannte Bezugsinstanzen: Alt, Gegenwärtig, Gesprochene Sprache, Heine - Heinrich, Schriftsprache, Sprachverlauf, Mundart, Schiller - Friedrich, Ursprünglich, Zeitungssprache
Text

Das intransitive hangen und das transitive hängen (eigentlich henken) jetzt noch streng auseinanderhalten zu wollen ist wohl vergebliches Bemühen. Wenn auch im Perfekt noch richtig gesagt wird: ich habe das Bild $Seite50$ aufgehängt, und aufgehangen hier als fehlerhaft empfunden wird, so hat sich doch leider fast allgemein eingebürgert: ich hing den Hut auf, und hangen, abhangen, zusammenhangen erscheint uns altertümlich gesucht, obwohl es das richtige ist (Heine: und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe hangen). Ähnlich verhält sichs mit wägen und wiegen; man sagt jetzt ebenso: der Bäcker wiegt das Brot, wie: das Brot wiegt zu wenig, obwohl es im ersten Falle eigentlich wägt heißen müßte. Auch bei schmelzen, löschen und verderben ist von Rechts wegen zwischen einer transitiven schwachen und einer intransitiven starken Flexion zu unterscheiden: die Sonne schmelzt den Schnee, hat den Schnee geschmelzt, aber der Schnee schmilzt, er ist geschmolzen; der Wind löscht das Licht aus, hat es ausgelöscht, aber das Licht verlischt, ist verloschen; das Fleisch verdirbt, verdarb, ist verdorben, aber der schlechte Umgang verderbt die Jugend, verderbte sie, hat sie verderbt. Leider wird der Unterschied nicht überall mehr beobachtet (am ehesten noch bei löschen). Sehr in Verwirrung geraten sind das intransitive und das transitive schrecken. Das intransitive erschrecken wird allgemein noch richtig flektiert: du erschrickst, er erschrickt, ich erschrak, ich bin erschrocken; ebenso das transitive: du erschreckst mich, ich erschreckte, ich habe erschreckt. Bei aufschrecken und zurückschrecken aber hat die schwache Form die starke fast ganz verdrängt; selten, daß man noch einmal richtig liest: daß die Sozialdemokratie hiervor nicht zurückschrickt. Von dem ursprünglich intransitiven stecken (der Schlüssel steckt an der Tür) hat sich ein transitives stecken abgezweigt (ich stecke den Schlüssel an die Tür). Beide werden jetzt meist schwach flektiert; das intransitive war aber früher stark: wo stickst du? Und mundartlich heißt es ja noch heute: der Schlüssel stak, ja sogar: wo hast du die Nacht gestocken?

Schlechterdings nicht verwechselt werden sollte gesonnen und gesinnt, geschaffen und geschafft. Gesonnen kann nur die Absicht oder den Willen be- $Seite51$ deuten: ich bin gesonnen, zu verreisen; gesinnt, das gar nicht von dem Zeitwort sinnen, sondern von dem Hauptwort Sinn gebildet ist (wie gewillt nicht von wollen, sondern von Wille), kann nur von der Gesinnung gebraucht werden: er war gut deutsch gesinnt, er ist mir feindlich gesinnt. Schaffen bedeutet in der starken Flexion (schuf, geschaffen) die wirklich schöpferische Tätigkeit, das Hervorbringen: der Dichter hat ein neues Werk geschaffen. Ist aber nur arbeiten, hantieren, ausrichten, bewirken, bringen (z. B. Waren auf den Markt schaffen) gemeint, so muß es schwach flektiert werden (schaffte, geschafft). Von Rat schaffen also, Nutzen schaffen, Abhilfe schaffen, Ersatz schaffen, Raum schaffen, Luft schaffen und dem jetzt in der Zeitungssprache so beliebten Wandel schaffen dürfen durchaus nur die schwachen Formen gebildet werden; es ist ein grober Fehler, zu sagen: hier muß Wandel geschaffen werden. Ein neuer Raum (ein Zimmer, ein Saal) kann geschaffen werden, aber Raum (Freiheit der Bewegung) wird geschafft.

Auch das starke Zeitwort schleifen (schliff, geschliffen) hat im Laufe der Zeit ein schwaches von sich abgespalten (schleifte, geschleift), das andre Bedeutung hat. Das Messer wird geschliffen, aber die Kleiderschleppe wird über den Boden geschleift. Früher wurden auch Städte und Festungen geschleift, auch Verbrecher auf einer Kuhhaut auf den Richtplatz; jetzt wird nur noch ein Student vom andern in die Kneipe geschleift, und dort wird dann gekneipt (nicht geknippen), denn kneipen „in diesem Sinne" ist nur eine Ableitung von Kneipe.

Zwei ganz verschiedne Verba, ein starkes und ein schwaches, begegnen einander in laden. Zwar werden jetzt ebenso Gäste geladen wie Kohlen und Gewehre, auch sagt man schon in beiden Fällen: ich lud. Im Präsens wird aber doch noch bisweilen unterschieden zwischen: du ladest oder er ladet mich ein (Schiller: es lächelt der See, er ladet zum Bade) und er lädt das Gewehr.

$Seite52$ Höchst unangenehm fällt die fortwährende Vermischung von dringen und drängen auf. Dringen ist intransitiv und hat zu bilden: ich drang vor, ich bin vorgedrungen. Drängen dagegen ist transitiv oder reflexiv und kann nur bilden: ich drängte, ich habe gedrängt; also auch: ich drängte mich vor, ich habe mich vorgedrängt, es wurde mir aufgedrängt. Durchaus falsch ist: ich dringe mich nicht auf, ich habe mich nicht aufgedrungen, diese Auffassung hat sich mir aufgedrungen.

Eine ärgerliche Verwirrung ist bei dünken eingerissen. Man sollte doch dieses Wort, das ohnehin für unser heutiges Sprachgefühl etwas gesucht altertümelndes hat, lieber gar nicht mehr gebrauchen, wenn mans nicht mehr richtig flektieren kann! Das Imperfekt von dünken heißt däuchte; beide Formen verhalten sich zueinander eben so wie denken und dachte, womit sie ja auch stammverwandt sind. Aus däuchte hat man aber ein Präsens däucht gemacht, noch dazu falsch mit dem Dativ verbunden: mir däucht (!). Wer sich ganz besonders fein ausdrücken will, sagt immer: mir däucht (statt mir scheint) und macht dabei zwei Schnitzer in zwei Worten. Das richtige ist: mich dünkt und mich däuchte.

Willfahren und radebrechen (eine Sprache) sind nicht mit fahren und brechen zusammengesetzt, sondern von Hauptwörtern abgeleitet, von einem nicht mehr vorhandnen willevar und von der Radebreche, einer abschüssigen, für die Wagen gefährlichen Straßenstelle.//* Andre wollen es auf das Rädern, die Tätigkeit des Henkers, zurückführen.// Beide werden also richtig schwach flektiert: er willfahrt, willfahrte, hat gewillfahrt, er radebrecht, radebrechte, hat geradebrecht.

Von manchen schwachen Verben ist vereinzelt ein starkes Partizip gebräuchlich mit einer besonders gefärbten Bedeutung, z. B. verschroben (von schrauben), verwunschen (der verwunschne Prinz, von verwünschen), unverhohlen (ich habe ihm unverhohlen meine Meinung gesagt, von verhehlen).


Zweifelsfall

Verb: Starke und schwache Flexion

Beispiel
Bezugsinstanz alt, gegenwärtig, gesprochene Sprache, Heine - Heinrich, Schriftsprache, Sprachverlauf, Mundart, Schiller - Friedrich, ursprünglich, Zeitungssprache
Bewertung

vergebliches Bemühen, richtig, höchst unangenehm, als fehlerhaft empfunden, grober Fehler, höchst unangenehm, durchaus falsch, richtig, allgemein noch richtigallgemein noch richtig, grober Fehler, altertümlich gesucht, höchst unangenehm, durchaus falsch, ärgerlich, richtig, falsch

Intertextueller Bezug