Matthias(1929) Der Herr Rat sind ausgegangen: Unterschied zwischen den Versionen

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|KapitelText=Freilich wenn man einem Subjekt in der Mehrzahl ein Aussagewort, das nicht etwa ein Sammelname oder ein Abstraktum, sondern ein Personenname ist, in der Einzahl beigesellt oder umgekehrt, so ist das nichts als Gedankenlosigkeit. So wenn es also heißt: ''Zahlreiche Kranke sammelten sich um das Bett, um Zeuge'' (statt ''Zeugen'') ''der Trauung zu sein'', oder: ''Die Farbenwirkung im Winter und Frühling sind viel mannigfaltiger ... als im Sommer'' (Tgl. R.) statt: ''die Farbenwirkung ... ist oder die Farbenwirkungen im Frühling und im Winter sind'' ... Nicht viel besser ist es, wenn man die Mehrzahl, die bei pluralischen Anreden (''Sie, Ew. Gnaden'') wie bei singularischen (''Ew. Majestät, Hoheit, Hochwohlgeboren'' [vgl. auch § 132]) üblich ist, auf Sätze überträgt, wo solche und andere Titel nicht ein ''Sie'' oder ''Ihr'' der Anrede $Seite 241$ vertreten, sondern die dritte Person bezeichnen. Freilich kam ein Beispiel dafür von hoch oben! Bei der Mitteilung irgendeines Ausflusses Königlicher Gnade hieß es in den amtlichen Blättern aller deutschen Länder und Ländlein bis zuletzt: ''Se. Majestät, der König'' (''der Herzog'') ''haben geruht''. Indes selbst dort waren im übrigen solche Sätze schon lange so gut wie verschwunden, wie sie z. B. in der Leipziger Zeitung noch 1860 standen: ''Se. Majestät der König haben sich heute früh 3/47 nach Schlackenwerth begeben''. Und so sollte es denn niemand in Briefen und Anreden den verflossenen Lakaien und andern Bedientenseelen mehr nachmachen, die auch in der Abwesenheit des Herrn wenigstens vor fremden Augen und Ohren katzbuckeln zu müssen glauben: ''Der Herr Kommerzienrat'' oder ''Die gnädige Frau sind ausgefahren''. Wer solche Leute mit ihren knöpfebesetzten Röcken fragt: ''Sind die Frau Gräfin zu Haus?'' verrät höchstens, daß er selber eigene Bedientenhaftigkeit feilbieten will. Hoffen wir, daß die Erweckung der Persönlichkeit, von der mit Nietzsche ihre genannten und ungenannten Befürworter so Großes erwarten, wenn sie nur erst gelungen wäre! auch diesen kleinen Zopf, dieses unwürdige Selbstwegwerfen mit dahinrafft. — Umgekehrt formell ungenau, sachlich aber erklärlich ist die Mehrzahl des Zeitwortes in der Frage im „Jörn Uhl": ''Was sind das? Beulen?'' Hier hat die Beobachtung einer Mehrzahl die Mehrzahl veranlaßt neben einem Formwort, das ihrer selbst entbehrt. Dieselbe Wirkung hat ein pluralisches Subjekt auch neben einem singularischen Prädikativ: ''der geistige Lebensprozeß, der zu den geschichtlichen Formen geführt hat, ja, der diese geschichtlichen Erscheinungen selbst sind oder waren'' (ZDB. 27); ''Ich habe dich gesungen, sowie deine Melodien ich sind'' (E. T. A. Hoffmann); und ''Anderswo klebt blutiger Brei, der einmal menschliche Glieder waren'' (Remarque).
 
|KapitelText=Freilich wenn man einem Subjekt in der Mehrzahl ein Aussagewort, das nicht etwa ein Sammelname oder ein Abstraktum, sondern ein Personenname ist, in der Einzahl beigesellt oder umgekehrt, so ist das nichts als Gedankenlosigkeit. So wenn es also heißt: ''Zahlreiche Kranke sammelten sich um das Bett, um Zeuge'' (statt ''Zeugen'') ''der Trauung zu sein'', oder: ''Die Farbenwirkung im Winter und Frühling sind viel mannigfaltiger ... als im Sommer'' (Tgl. R.) statt: ''die Farbenwirkung ... ist oder die Farbenwirkungen im Frühling und im Winter sind'' ... Nicht viel besser ist es, wenn man die Mehrzahl, die bei pluralischen Anreden (''Sie, Ew. Gnaden'') wie bei singularischen (''Ew. Majestät, Hoheit, Hochwohlgeboren'' [vgl. auch § 132]) üblich ist, auf Sätze überträgt, wo solche und andere Titel nicht ein ''Sie'' oder ''Ihr'' der Anrede $Seite 241$ vertreten, sondern die dritte Person bezeichnen. Freilich kam ein Beispiel dafür von hoch oben! Bei der Mitteilung irgendeines Ausflusses Königlicher Gnade hieß es in den amtlichen Blättern aller deutschen Länder und Ländlein bis zuletzt: ''Se. Majestät, der König'' (''der Herzog'') ''haben geruht''. Indes selbst dort waren im übrigen solche Sätze schon lange so gut wie verschwunden, wie sie z. B. in der Leipziger Zeitung noch 1860 standen: ''Se. Majestät der König haben sich heute früh 3/47 nach Schlackenwerth begeben''. Und so sollte es denn niemand in Briefen und Anreden den verflossenen Lakaien und andern Bedientenseelen mehr nachmachen, die auch in der Abwesenheit des Herrn wenigstens vor fremden Augen und Ohren katzbuckeln zu müssen glauben: ''Der Herr Kommerzienrat'' oder ''Die gnädige Frau sind ausgefahren''. Wer solche Leute mit ihren knöpfebesetzten Röcken fragt: ''Sind die Frau Gräfin zu Haus?'' verrät höchstens, daß er selber eigene Bedientenhaftigkeit feilbieten will. Hoffen wir, daß die Erweckung der Persönlichkeit, von der mit Nietzsche ihre genannten und ungenannten Befürworter so Großes erwarten, wenn sie nur erst gelungen wäre! auch diesen kleinen Zopf, dieses unwürdige Selbstwegwerfen mit dahinrafft. — Umgekehrt formell ungenau, sachlich aber erklärlich ist die Mehrzahl des Zeitwortes in der Frage im „Jörn Uhl": ''Was sind das? Beulen?'' Hier hat die Beobachtung einer Mehrzahl die Mehrzahl veranlaßt neben einem Formwort, das ihrer selbst entbehrt. Dieselbe Wirkung hat ein pluralisches Subjekt auch neben einem singularischen Prädikativ: ''der geistige Lebensprozeß, der zu den geschichtlichen Formen geführt hat, ja, der diese geschichtlichen Erscheinungen selbst sind oder waren'' (ZDB. 27); ''Ich habe dich gesungen, sowie deine Melodien ich sind'' (E. T. A. Hoffmann); und ''Anderswo klebt blutiger Brei, der einmal menschliche Glieder waren'' (Remarque).
 
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|Bezugsinstanz=19. Jahrhundert, Behördensprache, Schriftsprache, Hoffmann - Ernst Theodor Amadeus, Frenssen - Gustav, Leipzig, Zeitungssprache, Remarque - Erich Marie, Sprachverlauf, Zeitungssprache, Diener, Zeitungssprache
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Aktuelle Version vom 15. November 2017, 14:34 Uhr

Buch Matthias (1929): Sprachleben und Sprachschäden. Ein Führer durch die Schwankungen und Schwierigkeiten des deutschen Sprachgebrauchs.
Seitenzahlen 240 - 241
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Unsicherheit
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Freilich wenn man einem Subjekt in der Mehrzahl ein Aussagewort, das nicht etwa ein Sammelname oder ein Abstraktum, sondern ein Personenname ist, in der Einzahl beigesellt oder umgekehrt, so ist das nichts als Gedankenlosigkeit. So wenn es also heißt: Zahlreiche Kranke sammelten sich um das Bett, um Zeuge (statt Zeugen) der Trauung zu sein, oder: Die Farbenwirkung im Winter und Frühling sind viel mannigfaltiger ... als im Sommer (Tgl. R.) statt: die Farbenwirkung ... ist oder die Farbenwirkungen im Frühling und im Winter sind ... Nicht viel besser ist es, wenn man die Mehrzahl, die bei pluralischen Anreden (Sie, Ew. Gnaden) wie bei singularischen (Ew. Majestät, Hoheit, Hochwohlgeboren [vgl. auch § 132]) üblich ist, auf Sätze überträgt, wo solche und andere Titel nicht ein Sie oder Ihr der Anrede $Seite 241$ vertreten, sondern die dritte Person bezeichnen. Freilich kam ein Beispiel dafür von hoch oben! Bei der Mitteilung irgendeines Ausflusses Königlicher Gnade hieß es in den amtlichen Blättern aller deutschen Länder und Ländlein bis zuletzt: Se. Majestät, der König (der Herzog) haben geruht. Indes selbst dort waren im übrigen solche Sätze schon lange so gut wie verschwunden, wie sie z. B. in der Leipziger Zeitung noch 1860 standen: Se. Majestät der König haben sich heute früh 3/47 nach Schlackenwerth begeben. Und so sollte es denn niemand in Briefen und Anreden den verflossenen Lakaien und andern Bedientenseelen mehr nachmachen, die auch in der Abwesenheit des Herrn wenigstens vor fremden Augen und Ohren katzbuckeln zu müssen glauben: Der Herr Kommerzienrat oder Die gnädige Frau sind ausgefahren. Wer solche Leute mit ihren knöpfebesetzten Röcken fragt: Sind die Frau Gräfin zu Haus? verrät höchstens, daß er selber eigene Bedientenhaftigkeit feilbieten will. Hoffen wir, daß die Erweckung der Persönlichkeit, von der mit Nietzsche ihre genannten und ungenannten Befürworter so Großes erwarten, wenn sie nur erst gelungen wäre! auch diesen kleinen Zopf, dieses unwürdige Selbstwegwerfen mit dahinrafft. — Umgekehrt formell ungenau, sachlich aber erklärlich ist die Mehrzahl des Zeitwortes in der Frage im „Jörn Uhl": Was sind das? Beulen? Hier hat die Beobachtung einer Mehrzahl die Mehrzahl veranlaßt neben einem Formwort, das ihrer selbst entbehrt. Dieselbe Wirkung hat ein pluralisches Subjekt auch neben einem singularischen Prädikativ: der geistige Lebensprozeß, der zu den geschichtlichen Formen geführt hat, ja, der diese geschichtlichen Erscheinungen selbst sind oder waren (ZDB. 27); Ich habe dich gesungen, sowie deine Melodien ich sind (E. T. A. Hoffmann); und Anderswo klebt blutiger Brei, der einmal menschliche Glieder waren (Remarque).


Zweifelsfall

Kongruenz: Numerus

Beispiel
Bezugsinstanz 19. Jahrhundert, Behördensprache, Schriftsprache, Hoffmann - Ernst Theodor Amadeus, Frenssen - Gustav, Leipzig, Zeitungssprache, Remarque - Erich Marie, Sprachverlauf, Diener
Bewertung

Bedientenhaftigkeit feilbieten, formell ungenau, Frequenz/so gut wie verschwunden, Frequenz/üblich, Gedankenlosigkeit, Hoffen wir, daß dahinrafft, katzbuckeln, kleinen Zopf, Nicht viel besser, sachlich erklärlich, sollte niemand mehr nachmachen, unwürdige Selbstwegwerfen

Intertextueller Bezug